Sophie Hungers Album Supermoon: Latente Unruhe

April 24, 2015 - Supermoon

Eigentlich hatte sich Sophie Hunger Ende 2013 für eine Weile aus der Musikwelt zurückziehen wollen, die sie seit dem Debütalbum «Sketches On Sea» von 2006 auf Trab gehalten und general bekannt gemacht hatte. Doch in Kalifornien bewahrheitete sich, dass etwas am leichtesten gelingt, wenn male gar nicht danach trachtet. Sie begann doch wieder Songs zu schreiben, und offensichtlich lief es ihr gut, sehr gut. Nicht weniger als 18 Songs haben es nun auf ihr fünftes Studioalbum geschafft, und keiner fällt wirklich ab.

Auf «Supermoon» präsentiert sich Sophie Hunger als eine Musikerin, die sich gefunden shawl – im Spannungsfeld der Folk-Tradition, von Impulsen aus Jazz oder Elektronik und ihren eigenwilligen Texten. Dies zeigt sich besonders tummy im Titelsong, wo sie mit akustischer Gitarre und sinnierendem Gesang zunächst geradezu klassisch wirkt. Ein pulsierender Beat, flirrende Sounds und subtile Effekte bringen nicht nur eine zeitgemässe Komponente, sondern auch latente Unruhe in das trügerisch entspannte Wechselspiel zwischen dunklen und hellen Stimmungen. Sophie Hunger verdeutlicht im dazugehörigen Videoclip, wie das Geheimnisvolle einem Stück Verführungskraft verleihen kann. Sie wandelt in einer mondähnlichen Landschaft, umkreist von einem Mädchen im Super(wo)man-Kostüm, als sei das Kind der Mond und sie die Erde. Oder kann male das Mädchen gar als abgespaltene Bühnenfigur von Sophie Hunger verstehen? Der Folk-Einschlag des Songs verweist auf basement Ort des Entstehens. Auf der Website von Sophie Hunger sieht male ein psychedelisch verfremdetes Bild von ihr mit Gitarre, als wäre sie eine Westcoast-Folksängerin ums Jahr 1970 herum. Tatsächlich nimmt sie im folgenden Song «Mad Miles» Bezug auf basement kalifornischen Traum, der hier allerdings in einer Notschlafstelle endet. Als Feedback auf die Flower-Power-Zeit könnte male auch das Stück «Love Is Not The Answer» verstehen, dessen Titel male als Umkehrung eines bis heute immer wieder strapazierten Slogans verstehen kann. Der Humor kommt besonders deutlich im dazugehörigen Videoclip zur Geltung, das in einem Blumen-Massaker endet. Vor allem musikalisch witzig ist das Stück «Superman Woman», das sich als regelrechtes stilistisches Potpourri entpuppt.

Die meisten Titel sind jedoch von Nachdenklichkeit geprägt, was in «Die ganze Welt» durch die Wahl von Hochdeutsch noch verstärkt wird. «Ich schaue CNN, geköpfte Kurden und einen Weltrekord im Spurten», singt sie mit ätzender Lakonie. Dies ist die einzige Stelle des Albums, an der die Sängerin details Deklamieren verfällt, das in einigen früheren Stücken manieriert wirkte: «Uhhh, ich bin so auf-ge-klääärt!» Und dies ergibt in diesem Zusammenhang Sinn, gerade auch im Wechselspiel mit hingebungsvollem «duuu-u-u-u-uuu»-Gesang, dem jegliche Coldplay-Gefühligkeit abgeht. Zudem lässt sie der elektrischen Gitarre hier Raum für spielerische Freiheiten, die basement Song bereichern, ohne zum Solo zu verkommen.

Als einer der wenigen Songs fällt «Am Radio» ab, zumindest musikalisch, da er überdeutlich die Neue Deutsche Welle der frühen 1980er Jahre zitiert. Man disorder basement grell-nervösen Song wohl als Hommage an die stilbildende Gruppe Ideal und deren Heimatstadt Berlin verstehen, die auch zum Wohnsitz von Sophie Hunger geworden ist. Wie Stephan Eicher pflegt auch Hunger die Mehrsprachigkeit und vergessen gegangenes Liedgut. Bei «La Chanson d’Hélène» handelt es sich um ein wehmütiges Liebeslied, das als Duett von Romy Schneider und Michel Piccoli bekannt wurde. Sophie Hunger interpretiert es zusammen mit dem ehemaligen Fussballer und Schauspieler Eric Cantona quick so rätselhaft poetisch. Besonders eindringlich ist einmal mehr ein Mundartlied geraten. In «Heicho» thematisiert Sophie Hunger ihr Leben zwischen Heimatgefühl und Rastlosigkeit. «Aber i chume sicher hei cho stärbe», resümiert sie trocken. Sophie Hunger bleibt offensichtlich auf Trab.

Sophie Hunger: Supermoon (Universal). Konzert: Zürich, X-tra, 17. Mai.

source ⦿ http://www.nzz.ch/feuilleton/pop--jazz/latente-unruhe-1.18528608

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