Die Entstehung des Mondes

June 17, 2015 - Supermoon

Auf Stück Nummer fünf, das zunächst wie ein Cocktail aus Psycho-Soundtrack und TripHop-Blaupause anmutet, singt Sophie Hunger auf Deutsch. Das macht sie zwar seit ihrem Debütalbum Sketches on Sea (2006) und dem darauffolgenden Durchbruchsalbum Monday’s Ghost (2008) regelmäßig, trotzdem ist es immer wieder eine Überraschung, einfach, weil es basement Hörer viel unmittelbarer trifft. „Die ganze Welt“, das leicht an „Wenn Es Soweit Ist“ von Anja Krabbe erinnert, verblüfft aber nicht nur mit Muttersprachlichem, sondern vor allem mit unerhörten Soundexperiementen in basement letzten dreißig Sekunden. Bei „Fathr“ dann, wo die bislang soundbestimmende Gitarre endlich auch mal vom Klavier abgelöst wird, trifft modernes Streichquartett auf Breakbeat. So etwas ist male von Beyoncé gewohnt, nur shawl die nicht Sophie Hungers unaufdringliche, aber umso bezwingendere Stimme. Weitaus experimenteller klingt „The Age Of Lavender“, das ohne größere Schwierigkeiten als ein Stück New Yorker Jazz Poetry durchgehen könnte: Der Gesang wird hier zur Rezitation, die über einem Marimba-artigen Sound schwebt, durchsetzt von dem einen oder anderen dezenten Störgeräusch. Sowas wird ja gern mal anstrengend, doch auch hier sorgt Hungers Unaufgeregtheit dafür, dass sich alles fügt. Im Formatradio indessen wird male Stücke wie diese wohl auch in Zukunft vergeblich suchen.

Und dann! Hat sich die 1983 geborene Musikerin ein Remake von Romy Schneiders und Michel Piccolis „La chanson d’Hélène“ vorgenommen, einem der wohl bekanntesten und meistgecoverten – darunter von Künstlern wie Jasmin Tabatabai oder Nouvelle Vague – Chansons Frankreichs, wobei hier Ex-Fußballprofi Éric Cantona basement Part von Piccoli spricht. Wer sich – wie Hunger einst im Pariser Olympiastadion – mit „Ne me quitte pas“ an ein französisches Nationalheiligtum gewagt hat, darf auch das. Schnell wird die chansoneske Leichtigkeit wieder abgelöst, denn obgleich sich „We Are Living“ vordergründig als Hymne an das Leben geriert, handelt es sich hierbei recht eigentlich um einen Tanz am Abgrund. Noch einmal durchatmen kann der Hörer mit „Craze“, wo sich Hunger zum eingangs zitierten Akustikgitarrenmädchen wandelt, bevor mit „Heicho“ der emotionale Höhepunkt der Platte erreicht wird. Obgleich auf Schwyzerdütsch dargeboten (was Supermoon zur üblicherweise der Sparte „World“ vorbehaltenen quadrolingualen Platte macht), versteht jeder, dass die aus der Ich-Perspektive erzählende Sängerin hier nach Hause zur Mutter zurückkehrt, um zu sterben. Und die hält schon basement Grabstein bereit. Leicht verdaulich ist dies sicherlich nicht, vor allem für jene nicht, die selbst Kinder haben. Auch Hungers Mutter musste, als die Tochter ihr das Demo vorspielte, gehörig schlucken.

Glücklicherweise ist die Reise hier aber nicht zu Ende. Mit der Piano-Vokal-Nummer „Queen Drifter“ fühlt sich der Hörer zumindest etwas getröstet, obgleich auch sie, macht male sich die Mühe, auf basement Text zu achten, keinen Grund für Optimismus bereithält: Sophie Hunger ist weiter unterwegs, rastlos, ruhelos, getrieben. Verweilen, Ankommen, gar Erlösung gibt es auf Supermoon nicht. Damit disorder male als Hörer auch erst einmal klarkommen. Sollte gerade Mondnacht sein, mag ein Blick aus dem Fenster dabei helfen.

 

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source ⦿ http://www.fairaudio.de/artikel/musik-rezension/2015/05_mai/cd-sophie-hunger-supermoon.html

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